Wetterwarte Karakul (3930m), Tadschikistan, Zentralpamir

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Peter-René Sosna mit einem Kollegen der Wetterwarte Karakul

Sie trägt die Kennung 38871 der Weltorganisation für Meteorologie (WMO), befindet sich bei 39°05′ nördlicher Breite und 73°25′ östlicher Länge und liegt auf einer Höhe von 3930m ü. NN – die Rede ist von der Wetterstation am zentralasiatischen Karakul – See (Schwarzer See) in Tadschikistan.

Es ist September 2014. Gemeinsam mit 2 bergbegeisterten Freunden breche ich nach Zentralasien auf, um auf dem legendären Pamir Highway das Dach der Welt zu durchqueren. 3 Länder werden wir auf unserer vierwöchigen Tour bereisen. Nach nur 5 Tagen in Kirgisien erreicht unsere kleine Reisegruppe den Kyzyl – Art – Pass (4282m) an der Grenze zu Tadschikistan. Hier wechseln wir Begleitteam und Fahrzeug und rollen nach Pass- und Visakontrolle „hinunter“ in den kleinen Ort Karakul. Das Dorf befindet sich bereits im zentralen Pamir-Gebirge, gut 4 000m über NN gelegen.

Die Anpassung an diese Höhe braucht ein paar Tage und so sind Kopfschmerzen an der Tagesordnung. Abgeschnitten durch bis zu 4655 m hohe Bergpässe leben im Ort etwa 1000 Einwohner auf einem Hochplateau am Rande der Zivilisation. Fast alle von Ihnen gehören dem Volk der Bergkirgisen an. Vergessen vom Rest des Landes gibt es in Karakul heute kein elektrisches Licht, fließendes Wasser bzw. keine Gasversorgung mehr. Auch Holz als Heizmaterial sucht man vergebens. Was lässt Menschen an solch einem unwirtlichen Ort ausharren? Die Schönheit der Landschaft, weshalb wir hier sind, kann es kaum sein.

Im kontinentalen Hochgebirgs- und Wüstenklima von Karakul kann kein Ackerbau betrieben werden. Die Einwohner leben von etwas Viehwirtschaft, was angesichts der Höhenlage und der extremen klimatischen Verhältnisse geradezu unglaublich erscheint. Auch der namensgleiche Karakul- See (Schwarzer See), immerhin 380 km² groß, hat für die Einheimischen praktisch keine Bedeutung. Auf Grund seines Salzgehaltes wird der See als Brackwassersee eingestuft. Fischerei wird daher nicht betrieben.

Während wir durch das Dorf laufen, fällt mir alsbald ein eingezäuntes Grundstück mit Windmast, Sonnenscheinkugel, Thermometerhütten und Niederschlagsmessgerät auf.
Das Messfeld ist völlig unbewachsen, wie alles in diesem Ort. Mit vielem habe ich gerechnet, aber nicht mit einer Wetterstation in diesen Breiten und in dieser Höhe. Ich gehe zunächst einmal um den abgesperrten Bereich herum, auf dem sich auch ein Haus befindet, und mache vorsichtig Bilder. Derlei Einrichtungen, wie auch Brücken und U-Bahn Stationen unterliegen in diesen Ländern meist einem Fotoverbot.

Soweit ich erkennen kann, ist das Messfeld komplett bestückt, die Messinstrumente sind zwar alle in die Jahre gekommen‘, aber offensichtlich voll funktionsfähig.

Plötzlich kommt ein Mann aus dem Haus, welches an das Messfeld angrenzt. Er hat einen Zettel sowie Bleistift dabei und geht zügig in den abgegrenzten Bereich. Er wechselt den Streifen im Campbell-Stokes, schaut zum Himmel und macht sich Notizen. Als letztes öffnet er die doppelflügelige Tür zur Thermometerhütte und notiert nun einige Zahlen. Offenbar sind wir gerade zu einem Zeitpunkt hier angekommen, da die meteorologischen Werte erfasst werden.

Ich bitte unseren Reiseführer Hakim, im Hauptberuf Deutschlehrer, zu übersetzen, denn mit dem Wetterbeobachter in diesem Dorf möchte ich doch gern ein paar Worte wechseln. Die Verständigung gestaltet sich überraschend gut, so können wir uns sogar über die lateinischen Namen der aktuell vorhandenen Wolkengattungen austauschen.

Eine imposante Schauerwolke lässt über den Bergen im nahen Grenzgebiet zu China eindrucksvolle Fallstreifen entstehen. In unserer knapp zehnminütigen Unterhaltung, berichte ich Xasan, so sein Vorname, auch von meinem Arbeitsplatz auf dem Brocken im Harz. Angesichts einer Höhe von knapp 4 000m, auf der wir uns in diesem Augenblick befinden, umgeben von Bergen, die bis 5 500m hoch sind, mutet der Brocken mit seinen etwas mehr als 1 100m, doch eher wie ein kleiner Hügel an.

Xasan sei ebenfalls hauptamtlicher Beobachter, erfahre ich und das schon seit 35 Jahren. Er wolle noch ein paar Jahre das Wetter beobachten und dann die Station in der Familie weitergeben, aber ob es klappt bzw. ob er überhaupt einen Nachfolger erhält, sei mehr als fraglich.

Voller Hochachtung schaue ich immer wieder in sein tief zerfurchtes, wettergegerbtes Gesicht. Angesichts von bis zu minus 40 Grad kalten Temperaturen im Winter, Schneestürmen, heißen 27 Grad im Sommer und ganzjährig geringen Niederschlägen, so einige Klimadaten der Station, kann ich nur den Hut vor seiner jahrzehntelangen Arbeit auf dem Dach der Welt ziehen.

Unsere Gruppe reist schon am nächsten Tag weiter, so erfahre ich nicht, wie die meteorologischen Daten von diesem abgelegenen Winkel nach Duschanbe, der Hauptstadt Tadschikistans, kommen. In Karakul selbst gibt es bekanntlich keinen Strom – nur die gekappten Strommasten erinnern bis heute an die Sowjetzeiten. Natürlich ist auch an Handy-Empfang nicht zu denken.

Wie man uns erzählt, fährt etwa einmal im Monat (treibstoffabhängig) ein Lkw aus Sowjetzeiten von Karakul aus in das 130 Kilometer entfernte Murghab zum Einkaufen – vielleicht nimmt dann jemand die Mess- und Beobachtungsergebnisse mit …

Text und Bilder: Peter-René Sosna, Bergwetterwarte Brocken

Klimadaten der Wetterwarte Karakul von climatedata.org und meteoblue