50 Jahre Orkan QUIMBURGA

Heute vor 50 Jahren, am 13. November 1972 ereignete sich vor allem im Norden und Osten Deutschlands einer der schlimmsten Stürme des 20. Jahrhundert, der auch auf dem Fichtelberg mit 184km/h die dritthöchste gemessene Windspitze seit Beginn der dortigen Windmessung im Jahre 1967 brachte.

Windentwicklung und Temperaturen über dem DDR-Gebiet. Gezeichnet: Roland Baer
Windentwicklung und Temperaturen über dem DDR-Gebiet. Gezeichnet: Roland Baer

In vielen Artikeln über den Sturm ist zu lesen, dass nicht oder viel zu spät gewarnt wurde. Allerdings steckte die moderne Informationstechnologie der Wettervorhersage 1972 noch in der Weiterentwicklung. Es gab zwar seit 1960 Wettersatelliten, aber noch keine Computersimulationen, in welche die Daten zur Wetterberechnung eingespeist wurden. Die Datenerfassung an den Wetterwarten und deren Verarbeitung erfolgte größtenteils manuell. Zur Datenübertragung kamen Telex, Funk, Fax und Telefon zum Einsatz. Auch Wetterkarten wurden aus den so übertragenen Bodenmessdaten noch per Hand gezeichnet, indem alle Stationen mit den Messwerten versehen und Druckgebilde schließlich anhand Linien gleichen Luftdrucks markiert wurden. Zuletzt erfolgte anhand der Temperaturverläufe die Darstellung der Fronten. Bis zum Fertigstellen der konventionell gezeichneten Wetter- und Spezialkarten vergingen oft 5-6 Stunden. Nach Auswertung dieser fanden Wetterbesprechungen statt. Da auch die internationale Vernetzung nur mit großer Verzögerung funktionierte, wurden plötzlich eintretende Wetterverschlechterungen erst mit Verzögerung erkannt, so dass es für eine nachhaltige Warnung der Bevölkerung oft schon zu spät war. Denn Vorhersagen wie heute, rund um die Uhr in allen möglichen Medien, gab es nicht, sondern nur in den Abendnachrichten im Fernseher, in den Rundfunknachrichten oder in den Tageszeitungen. Insofern wurde sowohl in der „Aktuellen Kamera“ im DDR-Fernsehen als auch in der Tagesschau für den 13. November 1972 zwar ein Herbststurm angekündigt, dessen Auswirkungen zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht absehbar waren.

Am nächsten Morgen sahen die Meteorologen, was sich da entwickelte. Das im Raum Neufundland geborene Tief QUIMBURGA wurde auf seinem Weg nach Osten von einem in 1500 Metern Höhe ausgebildeten äußerst scharfen Temperaturgradienten von 45 K zwischen 10° warmen Subtropikluft und −35° kalten Polarluft aufgespalten. Das Teiltief zog unter Verstärkung über England in Richtung Nordsee und erreichte unter weiterer Verstärkung Schleswig-Holstein, wo im Raum Brunsbüttel ein rekordverdächtig tiefer Kerndruck von 953 Hektopascal gemessen wurde (→ Karte). Auf der Rückseite des Tiefs bildete sich aufgrund eines rasch unter Verstärkung nachschwenkenden Keils des Azorenhochs ein sehr markanter Luftdruckgradient aus, was zu extremen Windgeschwindigkeiten führte und es äußerst labiler polarer Kaltluft ermöglichte, über der Nordsee nach Süden vorzustoßen.

Das Sturmfeld des Orkantiefs erreichte, nachdem es in den Nachtstunden zunächst Großbritannien überquert und dort schwere Schäden angerichtet hatte, am 13. November 1972 gegen 01:00 Uhr nachts die Nordsee. In Antwerpen wurden in den frühen Morgenstunden bereits Windgeschwindigkeiten von 140 km/h gemessen. In den Vormittagsstunden wurde auch Norddeutschland vom Sturmfeld erfasst. Orkanböen, die selbst im Flachland 120 bis 167 km/h (Celle) erreichten, zerstörten etwa zehn Prozent des gesamten Waldgebietes.

Die am Morgen von den Wetterdiensten herausgegebenen Warnungen erreichte viele Menschen nicht mehr und so traf es sie beim Weg zur Arbeit ziemlich unvorbereitet. Berliner Passanten berichten von Aktentaschen, die aus der Hand gerissen wurden sowie am Boden liegende Materialien und auch Dachziegeln, die überall umherflogen. In Berlin-Friedrichshagen brach der Giebel eines Kirchturms weg und begrub eine Frau unter sich. Ihr Sohn, der Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr Friedrichshagen war, musste sie später aus den Trümmern bergen.

Wie von Riesenhand bewegt, knickt der gewaltige Turm der Christophoruskirche in Berlin-Friedrichshagen zur Seite weg. Quelle: Christophoruskirche Friedrichshagen

Im Oberharz war der Sturm besonders intensiv. Auf dem Brocken wurde mit 245km/h die höchste Windspitze gemessen, aber auch Wernigerode war mit 155km/h ganz oben dabei. Es wurden die Bäume großer Waldflächen entwurzelt und das Dorf Elend am Fuße des Brockens war zeitweise von der Außenwelt abgeschnitten, da zahlreiche Bäume die Straßen versperrten. Forstarbeiter waren mit schwerem Gerät tagelang im Einsatz, um das gebrochene Holz zu beseitigen. Die Aufräum- und Aufforstungsarbeiten der vom Sturm gerodeten Waldflächen dauerte bis in die 1980er-Jahre an.

Sachsen wurde zum Glück nur vom Windfeld gestreift, so dass sich die Schäden bei Windstärken bis 130 km/h im Tiefland (Chemnitz und Görlitz) und 184 km/h auf dem Fichtelberg vergleichsweise in Grenzen hielten.

Insgesamt starben in England, Belgien, den Niederlanden, in Norddeutschland und der DDR 73 Menschen. Im gesamten Norddeutschland kam es zu schweren Schäden an Gebäuden, der Verkehrsinfrastruktur, Versorgungsanlagen und Wäldern. Zahlreiche historische Gebäude wurden schwer beschädigt oder zerstört. Der öffentliche Nahverkehr wurde vielerorts eingestellt, an den Flughäfen ging zeitweise nichts mehr. In den Städten verursachte der Orkan Chaos, deckte Dächer ab, beschädigte Strommasten, unterbrach die Stromversorgung und behinderte den Straßenverkehr. In nur zwölf Stunden legte QUIMBURGA eine Entfernung von 1000 Kilometern zurück.

Wetterkarte vom 13.11.1972 aus dem "Täglichen Wetterbericht des Deutschen Meteorologischen Dienstes der DDR". Quelle: Archiv Falk Böttcher
Wetterkarte vom 13.11.1972 aus dem „Täglichen Wetterbericht des Deutschen Meteorologischen Dienstes der DDR“. Quelle: Archiv Falk Böttcher

Im „Täglichen Wetterbericht des Deutschen Meteorologischen Dienstes der DDR“ wurden die Wetterlage, die Messdaten und eine Nachschau erstellt und den Kunden per Post zugeschickt. Falk Böttcher hat uns diese aus seinem Archiv zur Verfügung gestellt (→ PDF). Vielen Dank!

Text: Claudia Hinz unter Mitwirkung von Roland Baer

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Eine Antwort zu 50 Jahre Orkan QUIMBURGA

  1. Anette Aslan schreibt:

    Die Sturmdoku hat mich schwer beeindruckt. Katastrophen können sich im Nachhinein doch immer als Reinigung verstehen lassen, wenn man denn daraus gelernt hat. Manchmal frage ich mich, ob man Waldbrände nicht kontrolliert laufen lassen sollte und das Borkenkäferproblem damit gelöst wird für eine gewisse Zeit.
    Diese Wetterkarten mit eingetragenen Frontverläufen habe ich auch noch von Hand gezeichnet, das hat irre Spaß gemacht.

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