Meine letzten Dienste an der Flugwetterwarte Dresden

Ein Schatten legt sich auf den Flughafen … (ch)

Als am 31.12.2018 die Wetterwarte auf dem Fichtelberg vollautomatisiert wurde, fand ich in der „Fachstelle für historische Klimadaten“ ein neues interessantes Aufgabengebiet. Zeitweise durfte ich aber noch auf den Flughäfen in Leipzig und Dresden aushelfen und dort meine(n) heißgeliebte(n) Beruf(ung) als Wetterbeobachter nachgehen. Diesen intensiven Kontakt zur Natur, das praktische Erleben von Wettervorgängen und vor allem besondere Wolken und Wettererscheinungen habe ich besonders geliebt. Und das geht sicher nicht nur mir so, sondern all meinen Kollegen die je auf den Flughäfen gearbeitet haben.

Als Beginn der Flugwetterbeobachtung und -beratung ist der 1. April 1926 auf dem Flugplatz auf dem Dresdner Heller überliefert. Der Wetterdienst befand sich dort zusammen mit der Flugpolizei, der Flugleitung und dem Funkdienst im zwölf Meter hohen Flugleitungsturm. Aber schon auf dem ersten am 26. Oktober 1913 eingeweihten Dresdener Flugplatz in Kaditz soll es bedarfsweise Wetterbeobachtungen gegeben haben (geführt unter Dresden-Uebigau, [1,2]), deren Aufzeichnungen aber nicht mehr existieren. Nach Fertigstellung des Hansahauses auf dem neuen Flughafengelände in Klotzsche zog der Wetterdienst in den Turm dieses Flughafengebäudes und begann dort am 11.07.1935 die kontinuierliche Wetteraufzeichnung [2]. Das jetzige Landebahnhaus beherbergt die Wetterbeobachter seit 1. September 1995.

Doch dieses Kapitel der menschlichen, gelebten und praxisnahen Wetterbeobachtung geht nun endgültig zu Ende. Die Landebahnhäuschen auf den Flughäfen werden bald alle verwaist sein, die engagierten Beobachter werden durch Maschinen ersetzt, für die Wetter auf seelenlose Zahlen zusammenschrumpft. Der direkte Kontakt der Menschen zum Wetter, der praktische Erfahrungsschatz und viel Wissen über Wolken und Wetterscheinungen geht verloren und die Meteorologen müssen sich nun ausschließlich auf Modellberechnungen verlassen. Vielleicht ist es einfach der Lauf der Zeit, dass Berufe aussterben, Menschen durch Automaten ersetzt werden und man sich einfach nur noch auf Computer verlässt … aber für mich ist es ein weiterer Werteverlust der Menschheit.

In der vergangenen Woche durfte ich letzte Dienste in Dresden übernehmen. Freude und Traurigkeit lagen dicht beieinander, denn die Dresdener Flugwetterwarte wird als eine der Schlusslichter im Juli automatisiert, so dass es meine letzten Schichten als Wetterbeobachter überhaupt waren. Und auch Petrus hat sich entsprechend verabschiedet und mir ein wahres optisches Feuerwerk geboten. Am eindrucksvollsten waren dunkle Schatten, welche von horizontnahen Wolken auf eine höhere Wolkenschicht geworfen wurde und wie Trauerflor auch über der Wetterwarte lagen. Aber auch imposante Lichtstimmungen mit Anticrepuscularstrahlen, ein Regenbogenframent, erstaunliche Föhnwolken, ungewöhnliche Wolkenstrukturen und eine schöne Kelvin-Helmholtz-Welle ließen mein Beobachterherz ein letztes Mal höherschlagen, bevor es dann zusammen mit dem Abendrot erlosch. (ch)

Quellen:
[1] Luftfahrt – Blätter für Flugwesen, Motorluftschiffahrt und Freiballonsport; Nr. 7; Berlin, 1. Juli 1920
[2] Deutsches Meteorologisches Jahrbuch für 1926, Freistaat Sachsen

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14 Antworten zu Meine letzten Dienste an der Flugwetterwarte Dresden

  1. Claudia Wünsche schreibt:

    Toll geschrieben und es ist wirklich schlimm das alles nun über Herrn Computer läuft. Irgendwann ist die Flugsicherung auch automatisiert, dann müsste es sich jeder überlegen, überhaupt noch zu fliegen. Was mit Augen beobachtet wird, kann genau beschrieben werden, wo der Nebel oder die tiefen Wolken am Flughafen sind. Oder wenn eine Maschine doch von der falschen Landebahnrichtung aufliegt. Bei den kleinen wird gespart!!!!!

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  2. Ute Heidorn schreibt:

    Nie werden Maschinen menschliche Intuition und Erfahrung vollständig ersetzen können. Sie mögen schneller rechnen, präziser zeichnen, schneller und sicherer Daten miteninander vergleichen. Doch was passiert, wenn denn nur einmal der Strom ausfällt, das System zusammenbricht oder auch nur die Bildschirme nicht arbeiten. Oder aber die Systeme mit Falschinformationen gefüttert werden? Wer sich das nicht vorstellen kann, lese den hochgelobten Roman „Blackout“ von Marc Elsberg – der so fiktiv gar nicht ist, wie man inzwischen weiß :-).

    Ich freue mich über jeden Handwerker, der sein Handwerk noch ausübt, und sei es hobbymäßig. Ein unfassbar wertvoller Kulturschatz ginge sonst verloren. Und hoffentlich wird es immer Wetterbeobachter geben, die uns – gerade in Zeiten des Klimawandels – ohne künstliche Energie und Technik Auskunft über die Wetterentwicklung der nächsten Tage geben können.

    Ganz herzlichen Dank für Ihre Arbeit und diesen wunderbaren Bericht.

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    • Claudia Hinz schreibt:

      Ich glaube, daß wir uns inzwischen derart vom Strom und Internet abhängig gemacht haben, dass ein normales Leben mit einem längerem Ausfall gar nicht mehr möglich ist. Hoffen wir, daß es nie soweit kommt, denn diese Entwicklung bereitet schon Bauchschmerzen.

      Liebe Grüße
      Claudia

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  3. Treichel, Gudrun schreibt:

    Lieber Matthias, das hast du toll geschrieben, und genauso wird es mir/uns Ende Juli am Berliner Flughafen gehen.
    Jetzt geht man einfach ungern auf einen anderen Arbeitsplatz.

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  4. Anette Aslan schreibt:

    So, ich habe jetzt richtig geheult!!! Das hat mich emotional tief betroffen. Habe vor über 40 Jahren auch an zwei Regionalflughäfen im Tower und am Flugfeld Beobachtung gemacht, waren aber nie meine Lieblingsarbeitsplätze, zu viel Stress, zu viele Überstunden und zu viel Betrieb. Wollte immer auf eine einsame Station. Doch bin ich froh, dass ich das wegen Ausstiegs nicht mehr erleben musste, dann von einer geliebten Arbeitsstelle in irgendein Archiv abgestellt zu werden. Trotz alledem liebte ich die Nachtschichten, da war ab 22h auf den Regionalflughäfen nichts mehr los und die Sonnenaufgänge vom Tower aus zu sehen waren an manchen Tagen unbeschreiblich. Wenn die ganze Technik mal zusammenbricht, werden sie die alten Hasen wieder reaktivieren. Gut für Dich Claudia, dass Du dann doch noch ein für dich interessantes Aufgabenfeld bekommen hast. Du bist somit ja auch eine historische Person.
    LG von Anette

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    • Claudia Hinz schreibt:

      Vielen Dank für Deine mitfühlenden Worte. Ich bin gespannt, ob ich diese Einsicht noch erleben werde. Wenn man sieht, wie man die zahlreichen Ausfälle einfach hinnimmt, habe ich da leider nicht viel Hoffnung 😦

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  5. franzzeiler schreibt:

    Danke für den interessanten Bericht!
    Das Schicksal der Automatisierung mit vermeintlichen Einsparungspotential aber verbundenen Qualitätsverlust setzt sich leider immer mehr durch. Bei uns in Österreich ist es nicht anders. Das Wetter hat es an deinem letzten Arbeitstag wenigsten gut mit dir gemeint 🙂
    Alles Gute für die weitere Zukunft, Franz

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    • Claudia Hinz schreibt:

      Ja, der Qualitätsverlust vor allem auf den Bergstationen ist immens, kaum eine Reihe lässt sich noch klimatologisch sauber auswerten. Ich hoffe nur, dass die Automatisierung auf den Flughäfen besser gelingt als auf den Bergen.
      Liebe Grüße in die Alpen
      Claudia

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  6. Liebe Claudia,
    ich bewundere dich, wie du als persönlich Betroffene noch einen so einfühlsamen Bericht über den Niedergang der Wetterbeobachtung in Raten schreiben kannst. Ich hoffe, dass du in dieser Situation dennoch eine für dich akzeptable Stelle übernehmen kannst. Und so wie ich dich kenne, wirst du eh als „Hobby“ deinen alten Leidenschaften weiter nachgehen, so weit dein neuer Job es zeitlich zulässt. Jedenfalls hoffe ich, dass dein Blog weiterhin dem Wettergeschehen und darüber hinaus treu bleiben kann.
    Liebe Grüße, Joachim.

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    • Claudia Hinz schreibt:

      Ich danke Dir, lieber Joachim. So langsam wird wohl der Blog das einzige, wo ich meine Leidenschaft noch unterbringen kann 🙂 Du weißt ja selbst, wie viele phantastische Sachen der Himmel zu bieten hat und ich finde es einfach jammerschade, dass es kaum einen mehr interessiert. Jetzt blättere ich in historischen Wettertagebüchern und erfreue mich daran, mit wieviel Enthusiasmus unsere Vorgänger noch das Wetter beobachtet haben. Es ist akzeptabel, aber eben nicht das, wofür ich einst den Beruf gelernt und geliebt habe.
      Liebe Grüße-Claudia

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  7. Claudia Wünsche schreibt:

    Habe heute Abend die Metars die auf automtisch umgestellt sind angesehen. Wetter und Wolkenhöhe verixt. Schön bei der Gewitterlage. In Dresden ist gerade eine Maschine gelandet die in Prag landen wollte.Prag ist nicht automatisiert. Dort ist starkes Gewitter mit Nosig. Was ist wenn das Wetter verixt wäre.
    Prost

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  8. Claudia Wünsche schreibt:

    Habe heute Abend die Metars die auf automtisch umgestellt sind angesehen. Wetter und Wolkenhöhe verixt. Schön bei der Gewitterlage. In Dresden ist gerade ei
    ne Maschine gelandet die in Prag landen wollte.Prag ist nicht automatisiert. Dort ist starkes Gewitter mit Nosig. Was ist wenn das Wetter verixt wäre.
    Prost

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