4. Oktober 1939 – Beginn des kältesten Winters

An diesem Morgen zeigte das Quecksilberthermometer am Wetterobservatorium in Radebeul-Wahnsdorf (Dresden) mit – 1,7 °C erstmals einen Wert unter 0 °C im Winterhalbjahr 1939/1940. Der letzte Frost sollte dann am 14.04. des Folgejahres gemessen werden.

Der Krieg in Polen war vorrüber und die Wehrmacht plante mit „Weserübung“ die Eroberung Nordeuropas und den Beneluxländern/Frankreichs (Westfeldzug) für April 1940. Die Ausläufer der kalten Witterung sollten diese jedoch um 1 Monat verzögern.

Der Oktober 1939 war meist trüb und in der 2. Hälfte nass. Frostrig gestalteten sich immerhin schon 5 Tage. Die Temperatur wich – 3,3 °C/K vom Klimamittel ab.

Quelle: klotzsche-wetter.de (Matthias Kirsch)

Der November zeigte sich im Mittel wiederum zu mild und das Sonnensoll wurde auch erreicht. Es blieb aber nass und am 20. erhielt das Elbtal eine weiße Farbe.

Quelle: klotzsche-wetter.de (Matthias Kirsch)

Am 06. Dezember begann der Winter so richtig. Es schneite und diese Schneedecke hielt sich auch bis um den 10. März. Das sind fast 100 Tage!
Den kältesten Tag erlebten die Bewohner am 10. Januar mit einem Tagesmittel von
– 18,7 °C. Die Mitteltemperatur des Monats berechnete sich auf – 9,8 °C. Der kälteste je gemessene Monat.

Quelle: klotzsche-wetter.de (Matthias Kirsch)

Eine so geringe Temperatur maßen sonst die Meteorologen in Stalingrad, jene Stadt in der der Ostfeldzug entgültig zersprengt wurde. Und so ist es doppelt unerklärlich wie die Militärs das Unternehmen Barbarossa 1941 vorantreiben konnten. Zum einen durch die Erfahrung eines bitterkalten Winters in Deutschland und zum 2. mit dem Wissen, dass dies in Russland gang und gäbe ist.

Das dann im Winter 1941/1942 auch noch der kälteste Winter seit 1812 Russland erfasste (bis zu – 50 °C) konnte keiner wissen. Vielleicht erreichen wir in Sachsen diesen Winter zumindest mal wieder – 25 °C?…

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3 Antworten zu 4. Oktober 1939 – Beginn des kältesten Winters

  1. klimareihenfritze schreibt:

    Es ist durchaus erklärlich, wie die Militärs das Unternehmen Barbarossa 1941 vorantreiben konnten: Der berühmte Professor Franz BAUR (1887-1977) war im damaligen Reichswetterdienst, welcher dem Luftfahrtministerium unterstellt war, zuständig für langfristige Prognosen. Er untersuchte viele lange Temperaturreihen Europas und kam damals zu dem Schluss, dass es (nach den schon in Deutschland sehr frostigen Wintern 1939/40 und 1940/41) noch niemals drei strenge Winter hintereinander gegeben habe. Auch Zirkulationsanalogien deuteten auf einen milden Winter in Mittel- und Osteuropa hin, den BAURs Institut somit der Wehrmacht als offizielle Prognose vorlegte. Als der Winter 1941/42 sodann diese Vorhersage Lügen gestraft und Hitler davon erfahren hatte, soll er den Fluch ausgestoßen haben: „Diese verdammten Scheiß-Meteorologen!“ Auch der „Stalingrad-Winter“ 1942/43, der in Deutschland etwas zu mild war, fiel in Russland deutlich zu kalt aus, wie folgende Tabelle zeigt:

    Winter ** Abw.Deutschland ** Abw.Stalingrad *)
    1938/39 ** +0,6 K ** -1,5 K
    1939/40 ** -5,2 K ** -4,0 K
    1940/41 ** -3,0 K ** -2,0 K
    1941/42 ** -4,1 K ** -4,5 K
    1942/43 ** +1,3 K ** -2,2 K

    *) Temperaturabweichung gegenüber dem Mittelwert 1961-1990

    Wie wir heute wissen, erlebte der Raum Stalingrad damals also sogar 5 zu kalte Winter hintereinander! Aber wie kam es eigentlich dazu, dass es damals offizielle Winterprognosen gab?
    Unter BAURs Leitung war bereits im Herbst 1929 in Frankfurt/Main die „Staatliche Forschungsstelle für langfristige Witterungsvorhersage“ gegründet worden und damit eine Institution, deren ernstes Bestreben es war, die wissenschaftliche Forschung auf diesem schwierigen Gebiet mit staatlicher Hilfe voranzutreiben. Dennoch sah sich BAUR ständig kritischen Kommentaren oder sogar häufigem Spott seiner Kollegen ausgesetzt, die seine Arbeiten mit Argwohn verfolgten. Anfang der 1930er Jahre wurden von der Forschungsstelle auf ähnlicher Basis – sprich statistischer Ausarbeitungen, verbunden mit einem großen Arbeitsaufwand – auch 10-Tagesvorhersagen herausgegeben. Obwohl nur auf ein limitiertes Datenmaterial zurückgegriffen werden konnte, gelang es BAUR mit wenigen Hilfskräften regelmäßige Vorhersagen für 10 Tage während des Sommerhalbjahres zu veröffentlichen. Dabei stieg die Eintreffhäufigkeit der Prognosen innerhalb von drei Jahren von 70% auf erstaunliche 87% an.
    Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurden die 10-Tagesvorhersagen eingestellt. Die Forschung zu Monats- und Jahreszeitenprognosen wurde indes intern fortgesetzt und aufgrund immer längerer Datenreihen bzw. dem Datenaustausch mit Institutionen anderer Länder mehr und mehr ausgebaut. Erstmals versuchte BAUR auch, lineare Beziehungsgleichungen (Regressionen) anzuwenden, soweit es datentechnisch möglich war. Durch die Einverleibung des Instituts zum Reichswetterdienst 1935, welches somit der Wehrmacht unterstellt war, wurde es bei Kriegsende aufgelöst.
    Da es BAUR stets angelastet wurde, dass er als Militärbeamter für das Dritte Reich während des Krieges langfristige Prognosen erstellt hat, blieb ihm die Bildung eines neuen Instituts verwehrt und er selbst eine zeitlang stellenlos. Nach seiner Wiedereinstellung als Professor an der Universität Frankfurt a.M. dauerte es noch mehrere Jahre, bis er überhaupt wieder Mittel zur Verfügung gestellt bekam, um seine Forschungen weiter voranzutreiben. Vor allem in den 1950er und 1960er Jahren entstanden so eine Vielzahl von Witterungsregeln für europäische und nordamerikanische Regionen, wobei neben dem üblichen Verfahren auch neue Ansätze, wie z.B. die Berücksichtigung des Sonnenfleckenzyklus mit eingebracht wurden. Erst in dieser Zeit fanden seine Erkenntnisse unter den Kollegen zunehmend Anerkennung. Ende der 1960er Jahre schenkte BAUR im Zuge der stetigen Computerentwicklung wieder den linearen Beziehungsgleichungen mehr Aufmerksamkeit und erarbeitete ein Versuchsmodell, welches durch maschinelles Lösen komplexer Gleichungen zur Erstellung regelmäßiger Monatsvorhersagen beitragen sollte. Dabei wurden voraussichtliche Abweichungen der Temperatur und des Niederschlages gegenüber dem langjährigen Mittel berechnet und immerhin eine Trefferquote von 73 % bei den Temperaturprognosen erreicht.

    Während heutzutage 10- und sogar 20-Tagesprognosen einschließlich der entsprechenden Ensemblerechnungen schon lange etablierter Standard sind und in Verifikationen überwiegend gut abschneiden, erzielen rein numerische Monats- oder Jahreszeitprognosen zumindest für Mitteleuropa immer noch keine messbare Prognoseleistung. Ob ein in den Ensembles ganz am Ende erkennbarer Kälte- oder Wärmeeinbruch von eher kurzer Dauer bleibt oder einen nachhaltigen Einfluss auf die Folgewochen und -monate ausübt (oder sich gar unter noch weiterer Verstärkung zu einem „Jahrhundertwinter“ entwickelt), entzieht sich damals wie heute unserer Kenntnis, sodass Überraschungen auch weiterhin vorkommen können.

    Quellen – Zum Weiterlesen: http://www.langfristwetter.com/Langfristige%20Witterungsprognosen.pdf (S. 9/10)
    https://data.giss.nasa.gov/gistemp/maps/index.html (globale Temperaturabweichungen ab 1881)
    https://www.dwd.de/DE/leistungen/zeitreihen/zeitreihen.html#buehneTop (Temperaturmittel Deutschland ab 1881)

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    • sw schreibt:

      Ein wirklich sehr beeindruckender Kommentar! Eine Zusammenarbeit wäre nicht schlecht. Ja es gab da diese Sonnentheorie bzgl. des Wetters. Aber dies war nichts anderes als der 100-jähriger Kalender (Theorie der Periodizität des Wetters).

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      • klimareihenfritze schreibt:

        Mit der Zusammenarbeit bin ich einverstanden 😉
        Prognostisch nutzbare Periodizitäten oder Regeln gibt es beim Wetter zwar tatsächlich nicht, aber ja: Die Sonnenflecken haben bzw. hatten durchaus großen Einfluss aufs Klima und der Einfluss anthropogener Spurengase in der Atmosphäre war über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg relativ konstant. Neben Prof. BAUR vertrat bspw. auch Prof.SCHERHAG (der Entdecker der spontanen winterlichen Stratosphärenerwärmungen) die Sonnenfleckentheorie und einige von Scherhags Schülern vertreten sie bis heute. Auch für die Stratosphäre darf der Einfluss der Sonnenfleckenanzahl auf die Zirkulation als nachgewiesen angesehen werden (vgl. https://www.morgenpost.de/web-wissen/article103329518/Warum-dieser-Winter-noch-kalt-werden-kann.html ).
        Die stark angestiegenen Temperaturen der letzten 4 Jahrzehnte sind mit solaren Aktivitätsänderungen allein inzwischen aber nicht mehr erklärbar: So war die Sonnenaktivität z.B. in den 2010er Jahren durchgehend schwach, dennoch ergibt sich für dieses Jahrzehnt in Teilen Ostdeutschlands ein Temperaturüberschuss von +1,5 K gegenüber dem Mittel 1961-90 (Gesamtdeutschland +1,3 K) und auch global errechnet sich ein ähnliches Rekordniveau. Die neue Referenzperiode 1991-2020 wird hierzulande 1,1 K höher ausfallen als die 30 Jahre zuvor – eine extreme Steigerung, wenn man sich vergegenwärtigt, dass der Unterschied zweier Klimaperioden zuvor immer nur im Bereich von wenigen Zehntelgrad lag.
        Auch die Liste der Jahre, die in Mitteleuropa um mindestens 2 Grad zu warm ausgefallen sind, ist beängstigend deutlich: 1540, 2014, 2018, 2019, 2020 (falls nicht im November oder Dezember noch ein großer Kälteeinbruch kommt)
        Das sogenannte 2-Grad-Ziel darf damit schon heute als nicht mehr erreichbar bezeichnet werden und von weiten Teilen unserer heimischen Vegetation (einer wichtigen CO2-Senke!) werden wir uns zumindest im Flachland wohl in den nächsten Jahrzehnten verabschieden müssen. Allein durch den Wegfall dieser, den Raubbau am tropischen Regenwald sowie die Freilegung von Methanquellen durch die auftauenden Permafrostböden wird die regionale und globale Erwärmung künftig noch mehr an Fahrt aufnehmen.
        Heutige Kleinstädte wie z.B. Oberwiesenthal könnten dann durch massenweise Flucht aus ehemaligen Flachlandmetropolen zu Megastädten heranwachsen. Küstenstädte wie Hamburg dürften bis dahin vom stark ansteigenden Meeresspiegel verschlungen sein und das Zentrum Berlins hat schon jetzt den dritten Sommer in Folge mit mehr als 20 Tropennächten erlebt. Klimamodelle zeigen inzwischen recht unisono, dass hier gegen Ende des Jahrhunderts über 100 Tropennächte sowie komplett schnee- und frostfreie Winter die Regel sein dürften (der völlig schneelose letzte Winter 2019/20 war hier wohl nur ein leiser Vorgeschmack)

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