Der „Capella-Orkan“ – Eine vergessene Katastrophe

In der heutigen Zeit geht der Trend zur Dramatisierung immer weiter und so war es für mich keine Überraschung, dass Orkan „Sabine“ schon im Vorfeld als einer der schwersten Stürme prophezeit wurde. Dieser Welle schlossen sich auch offizielle Meteorologen an – zumindest in Bezug auf die Vorwarnung. Ich gebe zu, das Kriesenmanagement funktionierte zum 1. Mal fast perfekt. Bis jetzt wurde kein Todesopfer gemeldet. Aber einige Kollegen ließen sich auch hinreisen und übertrieben, selbst Stunden vor dem Ereignis, mit Warnungen von 130 km/h und mehr im Flachland. Zumindest im Münchener Raum reichte es tatsächlich knapp für Windstärke 12. Aber mit seinen über 500 m ü. NHN zähle ich die Region schon zum Mittelgebirge. Bei uns in Sachsen maß das Anemometer auf dem Fichtelberg 150 km/h. Die böhmischen Kollegen auf dem Milleschauer (836 m) sogar 163 km/h. Im Tiefland (< 200 m ü. NHN) war das höchste der Gefühle Windstärke 11: 106 km/h an der Amateurstation Leipzig-Knautkleeberg (126m).

Station mit der höchsten Flachlandwindböe Sachsens.
Bild: 24 h-Windböendiagramm von Kachelmannwetter.com

Nun möchte ich aber diesen Orkan mit anderen einschätzen können. Nach Medienberichten kann man da nicht gehen also bleibt, wie es sich für einen Wetterbeobachter gehört, nur in der Historie nachsehen und Messwerte vergleichen. Mein Ziel war es klar zu definieren, welche Rangfolge, welcher Orkan in der Hitliste einnimmt. Einen großen Dank im Vorfeld an Claudia Hinz für ihren Beitrag vom 09.02.2020. Ich überlegte mir ein Punktesystem in welchen die Größe eines Orkanfeldes, die Stärke und die Dauer des Mittelwindes, sowie die maximale Windböe betrachtet werden und zwar auf Deutschland bezogen, separat auf Flach- und Bergland und den Süden, den Norden, der Mitte und den Osten des Landes. Heraus kam für mich unerwartet:

In allen Wertungen erlangte „Capella“ vom 03.01.1976, die meisten Punkte. „Kyrill“ vom 18.01.2007 belegt deutschlandweit den 2. Platz und je nach Region die selbe Intensität mit Platz Nr. 3 „Vivian“ vom 26./27.02.1990. Bereits gestern verglichen Experten „Sabine“ mit „Emma“ vom 01.03.2008. Dies deckt sich mit meiner Analyse. Demnach belegt „Emma“ Platz 4 und war in Süddeutschland sogar der stärkste Orkan nach „Capella“. Der bekannte Orkan „Lothar“ vom 26.12.1999 liegt im Süden Deutschland 3 Plätze weiter unten (5.). Bundesweit ist „Sabine“ nun auf Platz 5 einzuordnen. Im Sächsischen Raum erzielten „Friederike“ (18.01.2018), „Herwart“ (29.10.2017) nahezu die selbe Punktzahl wie „Sabine“.

Aber wie stark wütete „Capella“ eigentlich?

Der 1. Orkan, den ich mit vollem Bewusstsein und schon eigener Wetterstation miterlebte, war „Kyrill“. Damals war ich 13 Jahre alt. Um in ähnlicher Art und Weise „Capella“ in Erinnerung zu haben, müsste ich also Anfang der 1960-er geboren sein. Da wir sicherlich einige Leser unter uns haben, die noch nicht Ü50 sind, denke ich ist es im Interesse vieler, ein bisschen Wetterhistorie aufzuarbeiten:

Das 1. was ich (auf)klären möchte ist der Name. Anders als üblich kam dieser nicht durch die Vergabe einer Patenschaft zustande. Tragischerweise erinnert er an das Schiffsunglück der – unter DDR-Flagge fahrenden – „Capella“ aus Rostock. Sie sank mit 11 Mann Besatzung vor Borkum.

Die Bodenwetterkarte vom 01.01.1976 0 Uhr UTC zeigte eine Westlage, zyklonal (Wz). Die Frontalzone lag durch ein Tief über Ostkanada bis in den Mittelatlantik. Westlich der Azoren formierte sich sehr schnell ein Tief und wanderte Richtung Island. Ein Tief in dieser Region lenkte die Strömung aber Richtung Nordsee ab.

Quelle: Wetterzentrale Reanalysis archives (NOAA) 1.1.1976 0 Uhr UTC

Am Mittag des 2. vereinten sich das Islandtief und „Capella“. Über den Britischen Inseln nahm „Capella“ den 1. Menschen das Leben. Auf dem Brocken und dem Fichtelberg erreicht der Wind Orkanstärke. Erst jetzt wird den Meteorologen in Ostdeutschland der Ernst der Lage klar. Aber bereits viel zu spät…

Quelle: Wetterzentrale Reanalysis archives (NOAA) 2.1.1976 12 Uhr UTC

…Denn schon 12 h später erreichte „Capella“ den Fichtelberg mit 166 km/h, sowie Thüringen und Westsachsen mit Windstärke 10 (ca. 95 km/h). Zudem setzte in der Deutschen Bucht die Sturmflut ein. Es sollte die schlimmste der Moderne werden. Am 03.01. um 01 Uhr lag das Tief mit seinem Kerndruck von 965 hPa über Dänemark. Der Orkan – mit seiner NW-Strömung – füllte den Trichter der Elbmündung immer weiter. Der Pegel in St. Pauli stieg am Abend des 03. auf NN + 6,45 m. Der höchste Wert seit 1825.

In Sachsen maßen die Anemometer am Morgen des 03.01.1976 die höchsten Werte. Das außerordentliche ist, dass die Orkanböen ungehindert bis ins Tiefland vordrangen, wie auf der Karte zu entnehmen.

82 Menschen starben offiziell aufgrund des Orkans. Das „Capella“ zum stärksten aller Orkane wurde, lag an:
1. Extrem südliche Position der Zyklogenese
2. Durch milde Atlantikströmung hohe Energieaufnahme
3. Schnellläufer
4. Extrem starke Böen
5. Ungehindertes Vordringen bis ins Tiefland

Die Gefährlichkeit eines Orkanes geht nicht von den Spitzenböen auf den Gebirgen aus, sondern davon ob die Böen, von Gewitter oder Schauern begleitet, bis auf das Bodenniveau durchbrechen können.

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9 Antworten zu Der „Capella-Orkan“ – Eine vergessene Katastrophe

  1. Ich hatte mich den Unkenrufen vorweg auf so etwas wie Kyrill eingestellt. Stattdessen hatten wir einen etwas stärkeren Wind wie er mir aus meiner Kindheit an der Nordseeküste vertraut ist. Hier bei uns in der Nähe ist nicht einmal (zum Glück!) ein Baum umgekippt. Da wurde in den tagelangen Vorwarnungen wohl etwas übertrieben…

    Gefällt 2 Personen

    • Forscher schreibt:

      Wobei man sagen muss, dass der stärkste Höhenwind immer im Süden vorhergesagt war. In Wien war der „Sturm“ nicht der Rede wert, so einen harmlosen Kaltfrontdurchgang hab ich auch noch nicht erlebt bei so einem Sturmtief. Das hat mich selbst überrascht. Die Gründe dafür sind nahezu identisch mit den Abschwächungstendenzen bei Sturmtief FABIENNE am 23.09.2018: https://meteoerror.wordpress.com/2018/09/24/abschwaechung-von-sturm-fabienne-ueber-oesterreich-ursachensuche/

      (zunehmend strömungsparallel, Verwellung, hohe relative und absolute Feuchte, geringer Druckanstieg)

      Die Werte bei CAPELLA oder auch anderen Winterorkanen zeigen, was es bedeutet, wenn flächendeckend im Flachland Orkanböen erreicht werden. Das ist doch noch einmal eine andere Dimension als bei SABINE, PETRA und früheren Stürmen.

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  2. Thomas Globig schreibt:

    Wie steht es denn mit dem Orkan „Quimburga“ aus dem November 1972. Den sah ich bisher immer als den stärksten Orkan für Nord- und Mitteldeutschland an.

    Gefällt 1 Person

  3. claudia Wünsche schreibt:

    Es ist ein interrasanter Bericht. ich hatte an beiden Tagen also am 10.2. und 11.2.2020 Dienst
    in Dresden-Klotzsche, für mich war das Sturmtief Sabine etwas ganz anders als die im Text
    erwähnten Sturmtiefs. ich habe mal die Windspitzen über 20 m/s an den 2 Tagen zusammen gezählt. Es waren 81 Spitzen. so etwas gab es meiner Meinung im deutschen Flachland noch
    nicht. Dabei war die höchste nur 26,9 m/s.
    Liebe Grüße Claudia

    Gefällt 1 Person

    • sw schreibt:

      Hallo Claudia,
      Meinst du damit, dass für dich „Sabine“ äußerst schwach war? Wie gern hätte ich Lothar zu Capella interviewt. Ich hab nur zum Silvester-Blizzard eines auf der Festplatte.
      Meine Station liegt auf 214 m und ist ebenso windanfällig wie Ihr. Der Windmesser ist aber nicht so hoch. Daher hab ich mal wieder knapp ein 6’er 10-min Mittel verpasst.
      Viele Grüße Sebastian (vom Wetterverein).

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      • Claudia Wünsche schreibt:

        Hallo Sebastian,
        die anderen Stürme hatten weit höhere Spitzen, aber Sabine war doch auch
        was besonderes mit den viele Windspitzen über 20 m/s und die länger von über 2 Tagen.
        liebe Grüße Claudia

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        • sw schreibt:

          Hallo Claudia,
          dann liegt in Bezug auf deiner Parameter eben die Besonderheit von Sabine. Ich wollte bei dem Capella-Orkan die Gesamtenergie des Tiefs hervorheben.
          LG aus dem Februarfrostfreien Köttewitz
          Sebastian

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