Wetterwarte Wasserkuppe (921m) in der Rhön, Deutschland

In der Reihe „Bergwetterwarten in aller Welt“ möchten wir heute die Wetterwarte auf der Wasserkuppe vorstellen.

Messfeld und Ursinus-Haus mit der Wetterwarte (ch)

Bevor zum Jahresende zusammen mit dem Brocken die letzten beiden Bergwetterwarten in Deutschland automatisiert werden, habe ich der Wetterwarte auf der Wasserkuppe noch einen Besuch abgestattet. Es ist eine der wenigen Bergwetterwarten, auf der ich leider selbst nie gearbeitet habe und die ich deshalb bisher noch nicht kannte.

Die Rhön hat einen komplett anderen Reiz als das Erzgebirge. Das Mittelgebirge im Grenzgebiet der deutschen Länder Bayern, Hessen und Thüringen ist überwiegend vulkanischen Ursprungs und aus den mit kurzem Gras bedeckten und baumlosen Hochflächen wachsen die Gipfel als flache Buckel aus den mächtigen Vulkandecken heraus. Ortsnamen wie „Wildflecken“ versprechen eine gewisse Wildheit und tatsächlich ist es deutlich dünner besiedelt und zahlreiche herrlich bunte Sommerwiesen, Schluchten und Hochmoore laden rund um die Hochrhön zu wunderschönen Wandertouren ein.

Auf den Hochflächen rund um die Wasserkuppe blühen herrliche Wiesen. (ch)

Die Wasserkuppe ist mit 950 Metern Höhe nicht nur der höchste Berg der Rhön, sondern zugleich die höchste Erhebung in Hessen. Der Name leitet sich wahrscheinlich von den vielen Quellen auf dem Berg ab. So entspringen rund um den Berg neben der Fulda ca. 30 weitere Bäche. Zudem gehört die Hochrhön mit einem Jahresniederschlag von durchschnittlich 1084mm mit Spitzenwerten über 1500mm zu den niederschlagsreichsten Gebieten Deutschlands. Denn aufgrund der Ausrichtung der Rhön von Südwest nach Nordost werden die von Westen nahenden Wolken zum Aufsteigen gezwungen und regnen sich häufig an den höchsten Erhebungen ab. An durchschnittlich 256 Tagen (Mittel 1946-2018)  liegt die Plateaufläche der Wasserkuppe in Nebel bzw. Wolken. Zudem ist die freie Kuppe Winden aus allen Himmelsrichtungen ausgesetzt. Um dem Windmesser eine allseits windoffene Messung zu garantieren, wurde er 1974 vom Dach des Ursinus-Hauses in den Nahbereich des Gipfels verlegt, anfangs auf das Dach eines Bundeswehrgebäudes, seit 1997 befindet er sich auf dem jetzigen Gipfelmessfeld des DWD.

Rhönnebel (Quelle: Pixabay)

Das Gesicht des weitläufigen Gipfels der Wasserkuppe wurde stark vom Segelflug und der Bundeswehr geprägt. Die Wasserkuppe gilt als Wiege des motorlosen Flugs, bereits 1905 starteten hier die ersten Hängegleiter. Zudem beinhaltet ein Segelflugzentrum die älteste Segelflugschule der Welt, eine Gleitschirmflugschule, das Deutsche Segelflugmuseum und den Flugplatz Wasserkuppe für Segel- und Motorflugzeuge und es finden jedes Jahr zahlreiche Segelflugveranstaltungen und Modellflugwettbewerbe statt.

1945 bis 1998 wurde die Wasserkuppe aufgrund ihrer grenznahen Lage von Soldaten verschiedener Nationen zur Luftraumüberwachung genutzt. Zuletzt stationierte die Luftwaffe der Bundeswehr hier bis zu 800 Soldaten. 1989 verlor die Stellung auf der Wasserkuppe ihren militärischen Auftrag. Die Gebäude der Bundeswehr wurden als Jugendbildungsstätte genutzt. 2008 begannen Abriss-, Rückbau-, und Renaturierungsmaßnahmen. Die ursprünglich fünf Radome (Radarkuppeln) wurden bis auf eine zurückgebaut, auf der man heute auf einer 360-Grad-Aussichtsplattform etwa 10 m über dem Berggipfel einen herrlichen Rundumblick auf die Rhön genießen kann.

So sieht man im Südosten das Fichtelgebirge (145km Entfernung) und die Gleichberge (50km), von Osten bis Nordosten den Thüringer Wald (50-80km), den Harz mit dem markanten Brocken (152km), im Norden das Thüringer Becken mit dem Hohen Meißner (80-85km), im Nordwesten das Rothaargebirge (110-120km), im Westen den Vogelsberg (50km) und den Taunus (110km) und im Südwesten den Spessart (50-65km).

Die Wetterwarte liegt 400m östlich und 30 Höhenmeter unterhalb des Gipfels. Durch die Fliegerei gab es bereits frühzeitig Interesse an meteorologischen Messwerten. So erfolgten bereits 1911 mit dem ersten Start des Gleitflugzeugs Windmessungen mit einem Schalenkreuzanemometer und in der Folgezeit nichtstationäre Messungen verschiedener Parameter bei Bedarf.

1922 lagen bereits die ersten von Meteorologen erforschten Erkenntnisse über den Hangwind vor, welche den Segelfliegern auf der Wasserkuppe zu neuen Höchstleistungen verhalf. Daraufhin errichtete das Preußische Meteorologische Institut eine ständige meteorologische Station auf der Wasserkuppe. Unter den damaligen Mitarbeitern waren zahlreiche prominente Wissenschaftler aus allen Gegenden Deutschlands, die Messverfahren und Messinstrumente zur Erforschung der für den Segelflug relevanten Aero-, Hydro- und Thermodynamik entwickelten und die Windströmungen in der freien Atmosphäre erforschten.

Die heutige Wetterwarte befindet sich im so genannten Ursinus-Haus, benannt nach Karl Oscar Ursinus, der Wegbereiter des deutschen Segelflugs war. Als wir diese besuchten, wurden wir herzlich von der diensthabenden Kollegin begrüßt. Die knarrenden Dielen im Haus lassen auf eine lange Geschichte schließen und tatsächlich wurde es bereits im Sommer 1925 errichtet. Es beherbergte neben der Wetterwarte des Preußischen Meteorologischen Dienstes auch die Abteilungen Flugtechnik und Aerodynamik.

Wie auch auf anderen Bergwetterwarten war die Arbeit auf der Wasserkuppe nicht immer leicht. Besonders während und nach dem ersten Weltkrieg musste oft improvisiert werden. So waren im Januar 1941 alle Straßen und Zufahrtswege auf den Gipfel über Wochen tief verschneit und es gab kein Durchkommen. Das Notwendigste wurde von Skifahrern herbeigeschafft. Erst im März gelang es, die teilweise bis zu 4m hohen Schneeverwehungen zu durchbrechen. Zum Freischaufeln wurden auch Kriegsgefangene eingesetzt. Im Herbst 1941 wurde dann Soldaten ausgebildet, die nachfolgend die Wetterbeobachtungen übernahmen.

Schneefräse an der Wasserkuppe (Ansichtskarte)

Mit der Gründung des Deutschen Wetterdienstes im Jahre 1956 wurde die Wetterwarte Wasserkuppe in das Messnetz des DWD integriert und verlor die direkte Verbindung zum Segelflug, da dieser nun zentral Flugwetterinformationen bekam.

Das Aufgabenspektrum der Wetterwarte wuchs im Laufe der Jahre zunehmend. So kam beispielsweise nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl am 26. April 1986 im Folgejahr die Messung der Radioaktivität dazu. Im Gegensatz zur DDR wurde hier die Bevölkerung rund um die Uhr über die Ergebnisse informiert. Messungen der Immisionsbelastung durch Staub und Gase, die schädliche Umwelteinflüsse hervorrufen können, gewann ebenfalls zunehmend an Bedeutung.

Aber auch die Automatisierung schreitet auf der Wasserkuppe immer weiter voran. Die wichtigsten meteorologischen Parameter werden heute durch automatische Sensoren ermittelt. Zudem dient das große Messfeldareal zur Erprobung neuer Messtechnik.

Noch beobachten die Mitarbeiter kontinuierlich das Wettergeschehen und melden halbstündlich die Wetterbedingungen vor Ort. Zum Jahresende wird die Wetterbeobachtung automatisiert und die Mitarbeiter übernehmen für den Deutschen Wetterdienst andere Aufgaben.

Deshalb ist der Abschied von der Wetterwarte Wasserkuppe für mich ziemlich wehmütig, denn so wie heute, mit Menschen, die mit Herzblut ihre Arbeit verrichten, den Wetterdaten Leben einhauchen, Erlebnisse und Geschichten erzählen, so werden wir die Wetterwarte nicht mehr erleben können!

Mittel- und Extremwerte

Temperatur
Mittlerer Jahrestemperatur: 4,8°C (Periode 1961-1990)
Absolutes Temperaturmaximum: 32,7°C am 7. August 2015
Absolutes Temperaturminimum: -26,3°C am 1. Februar 1956
Tiefstes Temperaturmaximum: -22°C am 1. Februar 1956
Höchstes Temperaturminimum: 21,8°C am 9. August 1992
Wärmster Monat: 19.0°C im Juli 2006
Kältester Monat: -12.5°C im Februar 1956
Wärmstes Jahr: 7.4°C im Jahr 2018
Kältestes Jahr: 3.2°C im Jahr 1956

Niederschlag
Mittlerer Jahresniederschlag: 1083,8 mm
Höchster 24 std. Niederschlag: 95.6 mm am 25.07.2017
Größter Monatsniederschlag: 308 mm im Oktober 1923
Kleinster Monatsniederschlag: 0 mm im Oktober 1943
Größter Jahresniederschlag: 1542,8 mm im Jahr 1965
Kleinster Jahresniederschlag: 661,7 mm im Jahr 1976

Schnee
Größte Schneehöhe: 147 cm am 15. März 1988
Größte Neuschneehöhe im Monat: 150cm im März 1988
Frühster Schneefall eines Winters: 19. September 1977
Spätester Schneefalltag: 31. Mai 1975
Frühester Tag mit Schneedecke: 30. September 1954

Sonne
Mittlere Sonnenscheindauer: 4.2 Stunden
Höchste Monatssumme: 330 Stunden im Mai 1989
Tiefste Monatssumme: 2 Stunden im Dezember 1993
Höchste Jahressumme: 2173 Stunden im Jahr 1959
Tiefste Jahressumme: 1306 Stunden im Jahr 1999

Wind
Jahresmittelwert des Windes: 6,2 m/s
Maximales monatliches Windmittel: 12,5 m/s (Windstärke 6) im Januar 2015
Höchste Windspitze: 47.8 m/s (172.08 km/h) am 18.01.2007
Windstärkste Monate: Januar und Februar mit 7,5 m/s
Windärmste Monate: Juni bis August mit 5 m/s

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Eine Antwort zu Wetterwarte Wasserkuppe (921m) in der Rhön, Deutschland

  1. Anette Aslan schreibt:

    Ein schöner Bericht ist das, wenn auch mit Wehmut. Ganz in der Nähe bin ich groß geworden, die Wasserkuppe war oft Ausflugsziel in meiner Jugend. Wunderschöne Fotos, da bekomm ich Heimweh nach Hessen, diesem Vulkanland in der Tat. Und nun ist diese Station auch Geschichte! Ich denke ihr hattet euch viel zu erzählen unter Kollegen und ich hoffe, du hattest ein paar Gute Worte für sie, du hast es ja schon hinter Dir liebe Claudia.
    LG
    Anette

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