Wie BENJAMIN die Harzer Schmalspurbahnen narrte

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Harzer Schmalspurbahn im Schnee. Foto: René Sosna

Schnee wohin das Auge schaut, in den Alpen, im Erzgebirge und natürlich auch im Harz. Besonders der Brocken ist wegen seiner Exponiertheit für seine hohen Niederschlagssummen und seinem rauhen Bergwind, der sich nicht selten zum Orkan aufschwingt, bekannt.

Doch was sich da in Zusammenhang mit Tief BENJAMIN zu Monatsbeginn ereignete, ist auch für bergerprobte Kämpfernaturen etwas besonderes. Lag BENJAMIN am Montag noch über Südnorwegen, zog das umfangreiche Tiefdruckgebiet bis Dienstagabend südostwärts. Anfänglich kam die Luft direkt aus Skandinavien über die Nordsee zu uns. Sie war entsprechend feucht. An den Nordrändern der Mittelgebirge wurde sie gestaut und ließ ihre weiße Pracht vorerst nur in den Gipfellagen fallen. Zu diesem Zeitpunkt herrschten auf dem Dach der Norddeutschen unwirtliche Bedingungen. Der Wind blies mit 35m/s = 126 km/h in Böen, was einer Windstärke 12 (Orkan) entspricht. Immer neuer Schnee wurde über hunderte Meter verfrachtet, Schneeverwehungen begannen sich zu bilden.

Zu diesem Zeitpunkt war es den Harzer Schmalspurbahnen (HSB) gerade noch möglich, die ersten beiden regulären Züge des Tages auf den Gipfel zu bringen. Doch BENJAMIN drehte weiter auf, ließ Schnee und Orkanböen über das baumlose Brockenplateau peitschen. Gegen 12 Uhr dann der Anruf beim diensthabenden Wetterbeobachter auf dem Gipfel. Er gab die Empfehlung, den Bahnbetrieb einzustellen, zu schlecht waren die Aussichten für die nächsten Stunden.

Doch es war bereits zu spät. Zwar konnte der im Bahnhof stehende Zug den Gipfel unter Mühen noch nach Fahrplan verlassen, ein weiterer, welcher die im Bahnhofsrestaurant wartenden Fahrgäste nach unten holen sollte, blieb im Bereich der Teufelskanzel, ca. 300m vor dem Gipfel in einer Schneewehe stecken. Unter großem Kraftaufwand versuchten von nun an Mitarbeiter der HSB das Dampfroß freizulegen. Sie kämpften einen ungleichen Kampf gegen BENJAMIN. Bis zum Abend hatte es rund 20cm Neuschnee gegeben mit immer neuen Windböen im Orkanbereich.

Irgendwann fiel die Entscheidung, die Bergung des Zuges auf den kommenden Tag zu verlegen. Doch noch warteten etwa 65 Personen im Bahnhof, wollten sicher nach unten gebracht werden. Mit Hilfe des Brockenwirtes wurde dieses schwierige Unterfangen schließlich gelöst.

Zeitig am Mittwochmorgen begannen die Bergungsarbeiten entlang der Lok und der 3 Waggons erneut. Es lagen nun 100cm Gesamtschnee, 40cm davon fielen allein in den letzten 24 Stunden. Mit Schneefräse, einem Bagger und viel, viel Muskelkraft wurde den Verwehungen zu Leibe gerückt. Bis zur Mitte der Fenster hatte Benjamin den Schnee aufgetürmt, die Übergange zwischen den Wagen, die sogenannten Bühnen, waren kaum noch sichtbar. Inzwischen war die Temperatur auf minus 6 Grad gefallen. In Verbindung mit dem anhaltend wehenden Nordsturm fühlte es sich an wie minus 28 Grad. Nach kurzen Außeneinsätzen mussten sich die Helfer immer wieder im Inneren der Wagen aufwärmen. Ein Kampf gegen Windmühlen nahm seinen Lauf. Bis zum Abend, es schneite weiter, der Wind nahm in seiner Stärke nur etwas ab, hatten die Männer 2 Waggons „ausgegraben“ und mit Hilfe einer weiteren Lok ins Tal geschafft. Für die Lok und den letzten Wagen würde Hilfe erst nach einer neuerlichen Nacht auf dem Brocken kommen…..

Text und Fotos: René Sosna

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3 Antworten zu Wie BENJAMIN die Harzer Schmalspurbahnen narrte

  1. Matthias schreibt:

    Das ist ja spannend 😀, da wäre ich gern dabei gewesen….
    Vielen Dank für den schönen Bericht.
    Matthias

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  2. Roland schreibt:

    Interessanter Bericht, da ist der Winter noch eine Spur schärfer, auf jeden Fall sehr spannend, Gruß auf den Brocken aus dem leicht weißen Brandenburg 🙂

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  3. maryeitsch schreibt:

    Imposante Bilder und schön geschrieben 🙂 LG

    Gefällt 1 Person

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