Der Jahreswechsel 1978/79

Wetterwarte

In der Silvesternacht vor 40 Jahren gab es einen unvergesslichen Wintereinbruch. Nach milden Weihnachtstagen stürzen die Temperaturen ab und es beginnt zu schneien – vor allem im Norden über zwei Tage lang. Zugleich türmten schwere Stürme die weißen Massen zu meterhohen Verwehungen auf und Norddeutschland versank im Schnee. Aber auch der Temperatursturz war gewaltig. Ein stabiles Hochdruckgebiet aus Skandinavien und ein Tiefdruckgebiet aus dem Rheinland stießen über der Ostsee zusammen. Die kalte Luft aus dem Hoch wurde angezapft und führte zu einem massiven Kälteeinbruch. In vielen Städten der DDR fiel der Strom aus, da die Kohlen für die Kraftwerke gefroren waren.

Auf dem Fichtelberg verrichtete in dieser Silvesternacht Gerd Franze seinen Dienst. Er erinnert sich:

„Nach Abschluss meiner Ausbildungszeit im Sommer 1978 hatte sich der Wunsch erfüllt, an der Wetterwarte Fichtelberg Dienst zu tun und das Wetter mit all seinem Auf und Ab zu beobachten. Und wo sind Wetterextreme ausgeprägter erlebbar, als auf Bergen, vor allem im Winter mit seinem Frost, seinen Schneestürmen und meterhohen Schneeverwehungen. Als Ausgelernter passte man sich den hier geltenden Regeln an und übernahm auch Dienste, die nicht so angenehm sind. Ich hatte, um Weihnachten frei zu bekommen, den Nachtdienst von Silvester auf Neujahr übernommen. Eine Extremwetterlage hatte sich schon Mitte Dezember angebahnt und spitzte sich zum Jahresende immer mehr zu. Über Fernschreiber konnten wir am letzten Tag des Jahres verfolgen, wie die Temperaturen im 30 km entfernten Marienberg fast im Stundentakt von +10°C bis -10°C hin und her schwankten. Hier auf dem Fichtelberg hingegen blieb tagsüber die Lufttemperatur dauerhaft im positiven Bereich bei Windstärke 11! Erst gegen 18 Uhr sank diese unter den Gefrierpunkt.

Das Fichtelberghaus hatte vorsorglich geschlossen, so dass sich mein damaliger Chef Horst Gäbler mit seiner Frau zur Jahreswechselfeier nach Oberwiesenthal begab. Das heißt, ab da war ich der einzige Mensch auf dem Fichtelberg. Elektronische Thermometer gab es damals noch nicht und so musste man stündlich an die Wetterhütte, um die herrschende Lufttemperatur abzulesen. Gegen 21 Uhr zeigte das Thermometer -7°C. Mit dem Betreten des Gebäudes gingen sämtliche Lichter aus, der Strom war weg. Der Wind hatte sich gelegt und war als solcher kaum noch wahrnehmbar, der Himmel zugezogen, kein Mond und keine Sterne zu sehen. Es herrschte stockdunkle Nacht und unheimlich gespenstische Stille. Während ich nun im Kerzenschein weiterhin den Dienst versah und meine eigenen Vorbereitungen für den Jahreswechsel vornahm, meinte ich Geräusche zu hören, die ich nur mit der Annahme, dass auch in Oberwiesenthal der Strom ausgefallen war, nur so zuordnen konnte, dass Gäblers sich vorzeitig auf den Heimweg gemacht haben dürften und soeben eingetroffen seien. Aber dem war nicht so. Nachdem ich mehrfach diese Geräusche vernahm und immer auf mein Suchen niemand aufzufinden war, meinte ich, es treibe einer einen Silvesterscherz mit mir. Als aber später auch draußen und im Gebäude gleichzeitig an den verschiedensten Stellen knackende Geräusche zu vernehmen waren, konnte das kein Scherz sein. Geister und Kobolde aus Märchenerzählungen, die da rumoren, wollte ich ausschließen. Erst mein nächster Termin mit Gang zur Wetterhütte brachte die Erkenntnis. Ein Temperatursturz von 15 Grad binnen einer Stunde war schuld und verursachte, dass vor allem Holzbalken, Baumstämme und Äste sich zusammenzogen und dabei knisternde und knackende Entspannungsgeräusche von sich gaben. Bis zum Neujahrsmorgen sank die Temperatur weiter auf -28,2°C und damit auf die drittkälteste je auf dem Fichtelberg gemessene Lufttemperatur, die bis heute nicht wieder erreicht worden ist und somit mein persönlichen Kälterekord darstellt.“

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Eine Antwort zu Der Jahreswechsel 1978/79

  1. Doris schreibt:

    Toller Erlebnisbericht von Herrn Franze. Kann mich auch gut an diesen Super-Winter erinnern. Euch allen schöne letzte stunden auf euren Berg und kommt gut ins neue Jahr. Liebe Grüße Doris Lötzsch

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