Tornado-Illusion über dem Westerzgebirge

Tornado

Scheinbarer Tornado am 9. Juni 2018 über dem Westerzgebirge (ch)

Der 9. Juni brachte im Erzgebirge einige Gewitter. Zwar zog keine Zelle direkt über den Fichtelberg, aber das 6-stündige Niederschlagsradar von Kachelmannwetter zeigt Gewitter mit heftigen Niederschlägen zwischen Marienberg und Zschopau sowie entlang des Kammes zwischen dem Westerzgebirge und dem Vogtland. Näheres dazu ist in diesem Artikel zu finden.

Auf dem Niederschlagsradar fällt auch eine kleine Zelle nordwestlich vom Fichtelberg auf, diese stand gegen 16 Uhr in der Gegend um Breitenbrunn. Nach Abzug der Gewitterwolken kam die Sonne wieder heraus und bildete über dem dortigen Waldgebiet Nebelschwaden. Darüber schraubte sich in großer Geschwindigkeit eine kleinräumige, aber sehr dynamische Wolke rotierend nach oben. Diese erregte meine Aufmerksamkeit, da am unteren Rand immer wieder „Wolkenarme“ nach unten griffen. Deshalb behielt ich sie während der konventionellen Niederschlagsmessung im Auge. Auf einmal schien einer dieser Arme den Boden zu berühren. Da vom Messfeld aus Bäume die freie Sicht ins Tal verdecken, schnappte ich mir die Kamera und rannte aufs Dach. Und wirklich, das sich inzwischen über dem Waldgebiet entwickelte Gebilde erinnerte stark an einen Tornado, besonders die gleichmäßige Unterseite, welche den Waldnebel regelrecht aufwirbelte und aufzusaugen schien. Ich war völlig aus dem Häuschen und machte mehrere Fotos. In den Folgeminuten stabilisierte sich die Formation, wobei allerdings, soweit man es aus dieser Entfernung erkennen konnte, sichtbar nur die Gesamtwolke rotierte, nicht der Rüssel selbst. Nach 5 Minuten zerriss der „Tornado“ und ließ aufliegende Wolken zurück, welche die gesamte Nacht bis zum nächsten Morgen (Vormittag) dort verblieben.

Zurück blieben auch Fragezeichen auf unseren Gesichtern. Das Gebilde sah zwar aus, wie ein Tornado, aber war er es auch? In Blickrichtung wurde auf den Radarkarten zum Zeitpunkt des Auftretens weder Gewitter noch Regen registriert. Auch das Tornado-Dopplerradar zeigte zum Zeitpunkt der Beobachtung keine weiteren Echos.

Gerd Franze, der mich zum Nachtdienst ablöste und dem ich natürlich noch immer adrenalingeschwängert von dieser Beobachtung berichtete, ließ das Ganze keine Ruhe und so fuhr er am nächsten Morgen nach dem Dienst noch los, um die Stelle zu suchen, welche er anhand der Fotos eingrenzen konnte. Am 14km entfernten Rabenberg zwischen Erlabrunn, Breitenbrunn und Breitenbach fand er eine Stelle, wo es stark gespült und auch gehagelt haben musste. Schäden an Bäumen wie abgeknickte Äste fand er allerdings nicht.

Insofern kann man über das tornadoähnliche Gebilde nur mutmaßen. Vor Ort wurde extreme Feuchtigkeit mit einem wahrscheinlich starken Temperaturunterschied oberhalb einer nur langsam schmelzenden Hageldecke gepaart. Zum Zeitpunkt des „Tornados“ gab es zudem eine Windzunahme, auf dem Fichtelberg wurde diese von 6,8m/s auf 11,0m/s im Mittel mit einer Windspitze von 13,7m/s registriert, anschließend flaute der Wind wieder ab. Über dem feuchten kalten Waldgebiet am Rabenberg hat sich also in einer lokal begrenzten Aufwindzone der Cumulus nach oben geschraubt und saugte im rotierenden Aufwindbereich die Feuchtigkeit des Waldnebels auf. Der Wind führte zusätzlich zur Durchmischung der kalten Luftschicht und deshalb zur Verwirbelung der Nebelfetzen, was aus der Ferne geblickt zu dieser täuschend echten Tornadoillusion führte. Für Hinweise und Bilder zu diesem Ereignis sind wir dankbar.

Ein echter Tornado war es also mit großer Sicherheit nicht. Zum Glück, kann man da nur sagen, denn vor 20 Jahren, am 22. Juni 1998 zog in der Gegend ein Tornado zwischen Falkenstein im Vogtland und Carlsfeld eine 20km lange Schneise der Verwüstung, mit welchem wir uns zum Jahrestag näher beschäftigen. (ch)

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Besondere Wolken und Wolkenkunde abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Tornado-Illusion über dem Westerzgebirge

  1. Ich habe vor Jahren einmal ein ähnliches Gebilde beobachtet. Es entpuppte sich schließlich als ein See, von dem eine massive Nebelfahne aufstieg.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s