01.06.2018 – Automatisierung der Augenbeobachtung an der Wetterwarte Zugspitze (2963m)

Ab heute werden an der Wetterwarte Zugspitze die „Augenbeobachtungen automatisiert“ (Quelle). Immerhin wird die Zugspitze nun nicht wie die Wetterwarte Wendelstein geschlossen oder die Wetterwarten auf dem Feldberg im Schwarzwald und dem Großen Arber im Bayrischen Wald komplett verwaist, sondern über Nacht übernimmt weiterhin je ein Mitarbeiter Aufgaben wie Öffentlichkeitsarbeit, Sensorikpflege, Filterwechsel  der Radioaktivitätsmessung und die konventionelle Messung und Eingabe des 24-stündigen Niederschlags und der Schneehöhe zum 06.00 UTC- Termin. Auch Führungen für Schüler und Studenten werden weiterhin durchgeführt.

Für uns ist der heutige Termin dennoch ein trauriger Anlass, auf die Geschichte der 118-jährigen höchsten Wetterwarte Deutschlands und die harte Arbeit der Beobachter zurückzublicken.

Als der Deutsche und Österreichische Alpenverein 1897 auf der Zugspitze ein Unterkunftshaus eröffnete, wurde auch erwogen, eine meteorologische Hochstation zu errichten. Von den regelmäßigen Wetterbeobachtungen und Messungen versprach man sich neue klimatologische Erkenntnisse und einen Vergleich zu den Ergebnissen des 1887 errichteten 3106m hohen Observatoriums auf dem Hohen Sonnblick (Hohe Tauern). Als das Königlich Bayerische Staatsministerium gemeinsam mit den Alpenvereinen die entsprechenden Mittel für den Bau zur Verfügung stellten, konnte 1898 mit der Planung begonnen werden. Nach nur zwei Jahren wurde die am Münchner Haus angebaute  Königlich Bayerische Meteorologische Hochstation Zugspitze am 19. Juli 1900 feierlich eingeweiht.

Wetterwarte und Zugspitzgipfel um 1900. Quelle: Zeitschrift des Deutschen Alpenvereins, Jahrgang 1900

Als erster Wetterbeobachter trat Josef Enzensperger (1873–1903) am 19. Juli 1900 den schweren Dienst im Hochgebirge an. Zu Fuß zog der in Rosenheim geborene leidenschaftliche Bergsteiger und Meteorologe hinauf, um 7 Monate mutterseelenallein im engen Turm der Wetterwarte zu überwintern. Neben der eigentlichen Tätigkeit, den meteorologischen Messungen und kontinuierlichen Wetterbeobachtung sowie deren telegrafische Meldung zu den drei Klimaterminen 07, 14 und 21 Uhr wurde er auch den „Nebenberufen: Koch, Stubenmädchen, Waschfrau, Schlosser, Schmied, Zimmermann, Telefonarbeiter, Telegraphist, Elektrotechniker, Mechaniker, Skiläufer, Schneeschaufler, Kaminkehrer, Holzhacker und Gott weiß, was noch alles“ gerecht, wie er später schreibt. Zudem musste jeder Tropfen Wasser aus geschmolzenem Schnee gewonnen werden.

Josef Enzensperger in der Wetterwarte.

In ausdrucksstarken Worten beschreibt er seinen erhabenen Posten: „Wenn die Täler und Ebenen oft wochenlang unter feuchter, lähmender Nebelschicht begraben liegen, dass Mensch und Tier geduckt und stumpf dahinschleichen, dann ragt mein Gipfel hoch in den wolkenlosen Äther, während unter mir die Wolkenkämme über grundlosen Tiefen wogen und branden und sich dehnen wie die Unendlichkeit des Weltmeeres, dann mag ich wohl mit gutem Recht von der höchsten Zinne meines Hauses auf all die Herrlichkeiten hinabsehen mit den Gefühlen eines samischen Königs“.

Gegen die Einsamkeit hatte er seinen Hund Putz dabei. Ihm kam auch zugute, dass er große Bergerfahrung besaß und Mut sich mit Vorsicht paarte, so dass er Ausflüge und Skifahrten unternehmen konnte. Zudem kartographierte er in liebevoller Handarbeit alle umliegenden Berge mit Höhe und Entfernung, was bis zuletzt als Sichtmarkentafel zur Bestimmung der Sichtweite und Wolkenhöhe diente. Dennoch führte die einseitige Ernährung durch Konserven bald zu Mangelerscheinungen und gesundheitlichen Problemen. Aber er hielt eisern durch, um den Grundstein dieser wertvollen langen Reihe zu legen.

Enzensperger folgten bis heute über 80 Wetterbeobachter und Meteorologen auf den höchsten Berg des Landes, die in den Anfangsjahren noch besonders ausgebildet und trainiert waren, denn die zum Leben benötigten Dinge mussten allesamt zu Fuß auf den Berg getragen werden. Erst der Bau der Zugspitzbahnen (Tiroler 1926, Bayrische 1930) erleichterte den Dienstbetrieb. Dennoch brachte die Arbeit auf dem kalten und stürmischen Gipfel eine Menge Probleme. So wurde von den folgenden Überwinterern beschrieben, dass sie manchmal den ganzen Tag im Bett blieben oder dick eingemummt und mit Handschuhen auf und ab liefen, da bei Temperaturen unter -30°C die Stube nicht mehr erwärmt werden konnte oder bei starkem Orkan die Petroleumlampe nicht brannte. In solchen Situationen konnte man die abgelesenen Daten nur mit Bleistift notieren, da die Tinte zu einem Eisklumpen erstarrt war.

Seit der Inbetriebnahme der Station gibt es von der Zugspitze fast lückenlose Wetterbeobachtungen. Nur zum Ende des zweiten Weltkrieges gab es eine Unterbrechung, denn die Messungen mussten durch die Gefangennahme des Beobachters am 6. Mai 1945 eingestellt werden. Zu dieser Zeit drangen US-amerikanische Truppen bis auf die Zugspitze vor, warfen die meteorologischen Geräte und ein Teil des Mobiliars ins Schneekar und erklärten den Gipfel zum militärischem Sperrgebiet. Erst am 4. August 1945 konnte der Meteorologe und Umweltforscher Dr. Joachim P. Kuettner die Wetterbeobachtungen wieder aufnehmen.

Wetterwarte und Münchner Haus im Jahre 2015 (ch)

Seit dem 11. November 1952 wird die Wetterwarte vom Deutschen Wetterdienst betrieben und die Dichte der abzugebenden Meldungen wurde zunehmend erhöht. Zuletzt lieferte die im 24-Stunden-Dienst betriebene Station halbstündliche Wettermeldungen mit den gemessenen Parametern Temperatur, Luftfeuchte, Luftdruck, Strahlung und Windgeschwindigkeit. Konventionell wurde die Niederschlagsmenge und die Schneehöhe gemessen, sowie den Wettermeldungen die umfangreichen Augenbeobachtungen von Wolken (ober- und unterhalb der Station), Sichtweite und alle aktuellen Wettereignisse hinzugefügt.  Seit 1994 gehört die Wetterwarte zum Integrierten Mess- und Informationssystems zur Überwachung der Umweltradioaktivität (IMIS) des Deutschen Wetterdienstes. Außerdem ist die Zugspitze Teil des Global-Atmosphere-Watch-Programms, das weltweit klimarelevante Stoffe in der Atmosphäre misst. Dafür wurde auf dem Dach der Gipfelstation ein Spektrometer aufgebaut, das die Dicke der Erdatmosphären-Schichten feststellt.

Messgeräte auf dem Dach der Wetterwarte (ch)

Die meteorologische Wissenschaft hat den Beobachtern auf der Zugspitze sehr viel zu verdanken, dies zeigen nicht zuletzt die zahlreichen Forschungsarbeiten und Veröffentlichungen, die auf der Zugspitze durchgeführt und ausgewertet wurden.

Interessant ist natürlich auch das Klima auf Deutschlands höchstem Gipfel. Als eines der ersten hohen orografischen Hindernisse in den Alpen kommt es auf der Zugspitze vor allem bei Nordwest- und Nordwetterlagen zum „Nordstau der Alpen“, der die feuchten Luftmassen staut und für intensive Niederschläge sorgt. Andererseits hat die Zugspitze damit gleichzeitig eine abschirmende Wirkung für südlicher gelegene Alpenteile. Dem Nordstau entgegengesetzt wirkt die Föhn-Wetterlage, die an etwa 60 Tagen pro Jahr auftritt. Dabei strömen trockene und warme Luftmassen von Süd nach Nord. Sie können im Winter für außergewöhnlich hohe Temperaturen sorgen. Allerdings herrscht auf der Zugspitze trotzdem durchschnittlich an 310 Tagen Frost. Vergleichbare Werte sind erst wieder auf Spitzbergen im Arktischen Ozean anzutreffen.

Kollege beim Freischaufeln der Eingangstür der Wetterwarte (ch)

Aufgrund der Staulagen und der Höhe ist die Zugspitze der schneereichste Ort Deutschlands. Selbst in den Sommermonaten ist Schnee nichts Ungewöhnliches. Ich selbst konnte im Juni 2013 nach tagelangem Schneefall die 5-Meter-Marke knacken, was für mich eines der herausragenden Wetterereignisse ist, die ich während mehrfacher Aushilfen auf der Zugspitze erleben durfte. Das ist aber nichts zu 1965, wo es im Juni sogar 6,70 Meter Schnee gab. Die Schneehöhe wird nicht direkt auf dem stürmischen Gipfel der Zugspitze gemessen, sondern auf dem Zugspitzplatt, das auf 2650 Meter Höhe liegt. Im Durchschnitt werden pro Jahr insgesamt 1865 cm Neuschnee registriert. Am Fuße der Zugspitze, in Garmisch-Patenkirchen auf einer Höhe von etwa 700 Metern werden dagegen pro Jahr lediglich 200 cm Neuschnee verzeichnet.

Aber auch sonst hat die Zugspitze für das Wetterherz immer eine ganze Menge zu bieten. Neben zahlreichen oft hellen und farbigen Glorien, Eisnebelhalos, gigantischen Gewitter- und Föhnstimmungen, bis ins Tal reichende Regenbögen, Nebelbögen, oder Kränze in sehr nahen Wolkenfetzen haben mich persönlich besonders die Föhnwolken in Augenhöhe oder unter mir beeindruckt, die fast ortsfest ihre Form veränderten und sich manchmal wie ein dünner Hut über den Gipfel legten. Nun erfreut sich an diesen Dingen kein Wetterbeobachter mehr und die Maschinen bleiben völlig emotionslos, wenn der Himmel eindrucksvoll um die Wette glüht … (Text und Fotos: ch)

Jährliche Mitteltemperatur mit dem gleitenden 10-jährigen Mittelwert. Quelle: sklima.de

Quellen:

  • Wege, Klaus: „Die Geschichte der Wetterstation Zugspitze“, Geschichte der Meteorologie 4, Deutscher Wetterdienst 2000
  • 75. Jahresbericht des Sonnblick-Vereines für die Jahre 1976-1977
  • „Der Bayerländer“, Mitteilungen der Sektion Bayerland des Deutschen Alpenvereins e.V. 81. Heft · 2017
  • Bergwetterwarte Zugspitze, Broschüre des Deutschen Wetterdienstes
  • Quelle Wetterdaten und Temperaturgrafik: Sklima.de

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3 Antworten zu 01.06.2018 – Automatisierung der Augenbeobachtung an der Wetterwarte Zugspitze (2963m)

  1. Roland schreibt:

    Wenigstens bleibt die konventionelle Niederschlags- und Schneemessung erhalten aber wieder wird eine lange Reihe beendet 😦

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  2. Doris schreibt:

    Danke für den geschichtlichen Rückblick und die fantastischen Aufnahmen zu fast 120 Jahre Wetterstation Zugspitze….und wieder ein trauriger Abschied!!!

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  3. meteocb schreibt:

    Schöner Überblick zur Wetterwarte auf der Zugspitze, Danke.

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